Wer kauft die Wahlen im Osten?

Veröffentlicht: August 10, 2026

Es steht viel auf dem Spiel: Am 6. September sind Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Es folgen Mecklenburg-Vorpommern und Berlin am 20. September. Linke Parteien dürfen auf massive Unterstützung von Campact hoffen. Credit IMAGO / dts Nachrichtenagentur

Mit mehr als drei Millionen Euro aus anonymen Quellen greift die Aktivistenorganisation Campact in die Wahlkämpfe von Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ein. Niemand weiß, von wem das Geld stammt. Niemand weiß, was damit gemacht wird. Ein Vorgehen, das politischen Parteien strengstens untersagt wäre – und ein weiterer Beleg, wie intransparent sich politisch tätige NGOs in Deutschland finanzieren können. Die ITD fordert daher schon lange: Für Organisationen, die systematisch Einfluss auf politische Wahlen und -Entscheidungen nehmen, müssen endlich die gleichen Transparenzvorschriften gelten, wie für politische Parteien.

Seit Ende Juli sorgt wieder einmal The Goodforces, die links-grüne Kampagnenagentur aus dem Berliner Kollwitz-Kiez für Aufsehen. Schon Anfang des Jahres hatten die selbsternannten Guten Kräfte in Baden-Württemberg mit populistischen Onlinekampagnen maßgeblich dazu beigetragen, dass Cem Özdemir seinen Rivalen von der CDU auf den letzten Metern knapp schlagen konnte. Von einem ähnlichen Szenario träumen die Aktivisten wohl auch bei den am 6. September anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt.

Diesmal allerdings haben sie einen ganz anderen Weg gewählt, um linken Kräften zum Durchbruch zu verhelfen. Im Rahmen ihrer Kampagne „Taktisch Wählen 2026“ versuchen die Goodforces, tausende Menschen für einen Häuserwahlkampf im Osten zu gewinnen. Erfolg? Unklar. Sicher ist hingegen, mit welchen Kosten die Agentur ihre angeblich komplett aus eigenen Mitteln finanzierte Kampagne kalkuliert. Es sind knapp 80.000 Euro. Da Wahlwerbung nach dem deutschen Parteiengesetz den begünstigten Parteien anzuzeigen und ihr finanzieller Wert zu veröffentlichen ist, haben SPD und Grüne in den vergangenen Wochen Spenden von jeweils knapp 40.000 Euro von den Goodforces vermeldet. Geld ist nach eigener Aussage nicht geflossen.

Die FAZ veranlasste dieses Vorgehen, in einem umfangreichen Beitrag zu fragen: „Ist das verkappte Wahlwerbung?“ Da die Aktivisten ihre Wahlkämpfer praktisch ausschließlich für SPD und Grüne an den Haustüren werben lassen, ist die Empörung bei anderen Parteien entsprechend groß. Als „falsch und bewusst irreführend“ bezeichnet Lydia Hüskens, Spitzenkandidatin der FDP, die Kampagne. Die BSW-Vorsitzende Sahra Wagenknecht sieht in der Goodforces-Aktion eine „schmutzige Kampagne“ und eine „undemokratische Wählermanipulation“. CDU-Politiker Guido Heuer wittert „verkappte Wahlwerbung“.

Gegen die Kampagne von Campact ist Taktisch Wählen ein Klacks

Die seit Wochen andauernde Debatte um „Taktisch Wählen“ verwundert allerdings, wenn man weiß, dass die Aktivistenorganisation Campact gleichzeitig nicht etwa 80.000, sondern mehr als drei Millionen Euro in die bevorstehenden Landtagswahlen investiert. Ob dieses Vorgehen legal ist, darf zumindest bezweifelt werden, denn anders als die Macher von „Taktisch Wählen“ hat Campact seine Millionen bislang nicht als Parteispende deklariert.

Losgelöst von dieser Frage liefern die Campact-Aktivisten mit ihrer Kampagne „für Demokratie und gegen Rechtsextremismus“ wieder einmal ein herausragendes Beispiel, wie miserabel es um die Transparenz der NGO-Finanzierung in Deutschland bestellt ist. Denn von wem die Campact-Millionen stammen, für was oder für wen die Organisation sie genau einsetzt – niemand weiß es. Diese massive Verschleierung ist möglich, weil politisch tätige Lobbygruppen hierzulande nicht den Vorschriften des Parteiengesetzes unterliegen, das politische Parteien zu einer umfassenden Transparenz ihrer finanziellen Mittel verpflichtet. Auf diesem Weg will der Gesetzgeber verhindern, dass anonyme Kräfte, womöglich gar aus dem Ausland, demokratische Wahlen beeinflussen.

Hinter der Kampagne von Campact sollen angeblich mehr als 60.000 Spender stehen. Doch ob zu den Geldgebern auch Institutionen, namhafte Großspender oder gar ausländische Investoren gehören und wer sich vor Ort über den Geldsegen freuen darf – zu diesen Fragen schweigt Campact beharrlich. Eine entsprechende Anfrage der ITD ließ der Verein unbeantwortet. Wie diese Verschwiegenheit mit der eigenen Aussage zusammenpasst, „Transparenz und Glaubwürdigkeit“ seien „die wichtigste Voraussetzung, um als NGO überhaupt funktionieren zu können“ – man wird es wohl nie erfahren.

Parteipolitisch neutral?

Dass es Campact weniger um eine Bekämpfung der rechten AfD sondern in Wirklichkeit viel mehr um eine systematische Unterstützung und Förderung links-grüner Politik und der entsprechenden Kandidaten geht, belegen eindrucksvoll vergleichbare Projekte der Kampagnenprofis in den vergangenen Jahren. Bereits 2017 unterstützte der Verein, in dessen Satzung bis heute steht, er sei „grundsätzlich parteipolitisch neutral“, seine Gemeinnützigkeit 2019 aber wegen zu viel parteipolitischen Engagements aufgeben musste, den SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Seine Kontrahentin im Bundestagswahlkampf war die CDU-Politikerin Serap Güler. Sie hat zwar einen Migrationshintergrund, gehört aber aus Sicht von Campact offenbar der falschen Partei an. Für Lauterbach sprach aus Sicht der Campact-Leute wohl auch, dass sich der Politiker damals immer wieder lautstark gegen den in seinem Wahlkreis beheimateten Glyphosat-Hersteller Bayer positionierte.

In Ostdeutschland initiierte Campact damals sogar eine Massenmail-Aktion, die sich an Ministerpräsident Bodo Ramelow richtete. Darin forderte sie den Linke-Politiker auf, im damaligen Wahlkreis 196 in Südthüringen den Kandidaten seiner Partei zurückzuziehen und stattdessen zur Wahl des aus Campact-Sicht aussichtsreicheren SPD-Kandidaten aufzurufen. Ziel war, eine Direktwahl des CDU-Kandidaten Hans-Georg Maaßen zu verhindern. Ramelow bezeichnete die Campact-Kampagne damals als Aufforderung zum Verfassungsbruch.

Auch bei der Bundestagswahl 2021 sowie den Landtagswahlen 2024 in Sachsen, Thüringen und Brandenburg investierte Campact bis zu 25.000 Euro gezielt in politische Kandidaten, allen voran von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke. In anderen Fällen spendeten die Aktivisten zum Beispiel Plakatflächen im Wert von ca. 84.000 Euro. 2024 durften sich SPD und Die Linke über Spenden von rund 160.000 Euro beziehungsweise 68.000 Euro freuen. Die größte Sympathiebekundung ging mit mehr als 230.000 Euro an die Grünen. Wie all dies mit dem satzungsgemäßen Anspruch von Campact im Einklang steht, „grundsätzlich parteipolitisch neutral“ zu sein – auch das wird wohl ein Geheimnis bleiben.

Parteipolitisch neutral? Von niemand erhielten SPD und Grüne 2024 so viele Spenden wie von Campact. Die Sozialdemokraten durften sich über rund 234.000 Euro freuen, bei den Grünen waren es sogar 306.000 Euro. Quelle: LobbyControl

Im Gegensatz zu den Wahlkampfaktionen der vergangenen Jahre ist bei der diesjährigen „No-Afd“-Kampagne nicht nur völlig unbekannt, aus welchen Quellen die mehr als drei Millionen Euro stammen, sondern auch weitgehend unklar, was mit dem Geld geschehen ist oder noch geschehen soll. Reichlich nebulös heißt es: „Mit den Spenden stärkt Campact Vereine und Initiativen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, die sich aktiv gegen Rechtsextremismus und für Demokratie einsetzen. Die Hälfte des Geldes geht an lokale Organisationen. Die übrigen 50 Prozent nutzt Campact für eigene Kampagnen, um die Demokratie zu stärken.“

Da ist er wieder der, Kampfbegriff „Demokratie“. Ähnlich wie bei vielen anderen linken NGOs ist bei Campact fast alles, was der Verein tut, ein Kampf für „unsere Demokratie“. Klar, wie könnte man auch auf die Idee kommen, einen solchen Einsatz nicht gut zu heißen? Dass es den Aktivisten jedoch immer nur um eine Demokratie nach ihrer eigenen Definition geht, erfährt nur, wer hinter die Kulissen blickt. Welch veritablen Einfluss die Organisation mit ihren drei Millionen Euro nimmt, zeigt jedenfalls ein Vergleich mit den Wahlkampfbudgets der politischen Parteien. Jede von ihnen kann nach groben Schätzungen pro Wahl nur zwischen einer und 1,5 Millionen Euro investieren, um die ostdeutschen Wähler für sich zu gewinnen.

Christoph Bautz, Mitgründer und Vorstand von Campact praktiziert in diesen Tagen so intensiv wie wohl noch nie, was die Aktivisten in ihrer Satzung „eine zeitlich befristete Unterstützung von politischen Parteien aus dem demokratischen Spektrum“ nennen. Credit Foto:
IMAGO / Wolfgang Maria Weber

Keine Gesetze, keine Transparenz

Welche Überraschungen ans Tageslicht kommen, wenn doch mal öffentlich wird, wer NGO-Kampagnen wirklich finanziert, zeigen zum Beispiel die beiden Hamburger Volksentscheide vom Oktober 2025. Das Volksabstimmungsgesetz der Hansestadt schreibt den Initiatoren eines Bürgerentscheids vor, die Geldgeber ihrer Kampagne drei Monate nach Abschluss der Abstimmung zu veröffentlichen. Und – welch Wunder – plötzlich war im Februar 2026 klar: Die Kampagnen zu den beiden Bürgerentscheiden waren mitnichten die vielbeschworenen Graswurzelbewegungen, sondern wurden primär finanziert von etwa einem Dutzend Großinvestoren, allen voran die DM Götz Werner Stiftung sowie in Sachen Klimaneutralität einmal mehr: Campact.

Auf ähnlich interessante Erkenntnisse kann man bei der Eigenfinanzierung vieler NGOs kaum hoffen. Große Organisationen wie Client Earth, Sea Watch, Hate Aid, Attac oder die Deutsche Umwelthilfe finanzieren sich zu großen Teile durch mächtige Unterstützer aus dem In- und Ausland. Wer diese genau sind, verschweigen die Organisationen jedoch häufig. Der Transparenzbericht von Campact für 2025 zum Beispiel liegt bis heute nicht vor. Im Bericht für 2024 betont die Organisation, nur zwölf natürliche Personen hätten mehr als 5.000 Euro gespendet, und keine dieser Spenden habe mehr als fünf Prozent des Gesamtjahresbudgets ausgemacht. Das klingt nicht nach Großspende – bis man genauer rechnet. Denn zwischen 5.000 Euro und fünf Prozent des Gesamtjahresbudgets liegt deutlich mehr als eine Million Euro. Fünf Prozent von 24,63 Millionen Euro Spendenvolumen sind 1,2 Mio. Euro. Theoretisch ist es also möglich, dass einzelne (oder alle zwölf) Spender je 1,2 Millionen Euro gespendet und den Verein so mit insgesamt etwa 14 Millionen Euro ausgestattet haben. Transparent ist das nicht, denn wer diese Spender waren, wie sich ihre Spenden verteilten und wie hoch die höchste Spende war, teilt der Verein nicht mit.

Mehr Transparenz nur mit anderen Gesetzen

Viele politisch arbeitende NGOs nutzen die Möglichkeiten, die ihnen die fehlende Regulierung in Deutschland bietet, maximal aus, um sich und ihre Aktivitäten zu finanzieren, ohne zu sagen, von wem das Geld genau kommt. Ähnliches gilt für große Investoren wie zum Beispiel die Deutsche Postcode-Lotterie, die NGOs jedes Jahr mit Millionen fördert. Welche Exzesse dies inzwischen annimmt, beweist Campact mit der massiven Beeinflussung der bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

Auch das deutsche Lobbyregister trägt kaum zu mehr Transparenz bei, da es NGOs lediglich vorschreibt, Geldgeber auszuweisen, wenn sie mehr als zehn Prozent des Gesamtjahresbudgets einer Organisation spenden. Vor allem für große NGOs mit hohem Spendenaufkommen ist dies geradezu ein Freibrief, nicht einen einzigen Investor öffentlich nennen zu müssen. Es ist daher an der Zeit, dass das deutsche Parteiengesetz endlich auf politisch tätige Lobbygruppen erweitert wird.

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Ludger Weß