Noch mehr NGO-Millionen – dank CDU und FDP

Veröffentlicht: August 12, 2026

Die Werbung zeigt Prominente wie Katharina Witt, Peter Maffay, Toni Kroos oder Kai Pflaume. Doch über die Millionenzahlungen der Postcode-Lotterie an Dutzende großer NGOs entscheiden andere. Fotos: Postcode Lotterie

Bei fast jeder politisch tätigen NGO in Deutschland taucht ein und derselbe Geldgeber auf: die Deutsche Postcode-Lotterie. Kaum jemand kennt sie, aber diese staatlich genehmigte Soziallotterie, die es auch in anderen Ländern gibt, gehört weltweit zu den größten privaten NGO-Investoren. Seit 1989 hat sie Tausende von Organisationen und Projekten weltweit mit mehr als 15 Milliarden Euro unterstützt. Viele NGOs verdanken der Lotterie, hinter der ein niederländischer Multimillionär steckt, deutlich mehr als zehn Prozent ihrer finanziellen Mittel. Über die Vergabe der Gelder entscheiden unter anderem zwei prominente Politiker von CDU und FDP.

Wie bekommt man Menschen, die sich nicht übermäßig für Lobbygruppen mit Nischenthemen oder extremen Positionen interessieren, dazu, regelmäßig Geld zu spenden, das man dann an genau diese Organisationen weitergeben kann, weil man selbst an ihnen Interesse hat? Das war der Ausgangspunkt für die Überlegungen des niederländischen Medienunternehmers Boudewijn Poelmann, der nach der Gründung verschiedener Unternehmen das Fundraising für den niederländischen Zweig von Oxfam übernommen hatte. Der Multimillionär (geschätztes Vermögen: 84 Mio. Euro) entwickelte aus dieser Idee 1983 das Konzept der Postcode Lotterie, die es nicht nur in den Niederlanden und in Deutschland, sondern inzwischen auch auch in Großbritannien, Norwegen, Schweden und Kanada gibt. Dazu gründete er die Novamedia Foundation („De Novamedia Fundatie“) in Amsterdam, die die alleinige Eigentümerin der Postcode Lottery Group ist. Die Lotterie engagiert sich laut Werbung für die Umwelt, für Tiere, für Gerechtigkeit und Gesundheit. 

2025 machte die Lotterie allein in Deutschland einen Umsatz von 302 Mio. Euro. Knapp ein Drittel der Einnahmen fließt wieder an die Loskäufer zurück – in Form von meist mäßigen, aber regelmäßigen Gewinnen. So bleibt die Hoffnung, doch einmal mehr als 1.000 Euro oder einen Sachpreis zu gewinnen und man hält die Teilnehmer bei der Stange. 30 Prozent der Einnahmen gehen an NGOs – im vergangenen Jahr also rund 100 Mio. Euro. 

„Mitmachen und Gutes tun“ 

Und was gibt es Schöneres, als Geld für gute Taten zu spenden, wenn man dabei noch etwas gewinnen kann? Das Konzept ist nicht neu. Grundsätzlich wird bei jeder Lotterie ein bestimmter Anteil der Einnahmen für gemeinnützige Zwecke verwendet. Bei den staatlichen Lotterien findet das zumeist über den Landeshaushalt statt oder geht direkt an gesetzlich festgelegte Empfänger wie Sport- und Wohlfahrtsverbände, Stiftungen für Denkmalschutz oder Umwelt usw.. Bei Soziallotterien entscheiden Fördergremien über die Mittelverwendung. Traditionelle große Soziallotterien wie die Aktion Mensch, die Deutsche Fernsehlotterie oder die Glücksspirale setzen ihre Mittel nahezu ausschließlich für soziale Zwecke oder Behindertenhilfe ein – nicht so die Deutsche Postcode Lotterie. Sie ist die Einzige, die explizit auch große Umweltschutzorganisationen oder politisch tätige NGOs fördert.

Die Teilnehmer erfahren meist nicht im Detail, welche Wohltätigkeitsorganisationen die Organisation unterstützt. Das Werbematerial zeigt Klinik-Clowns, Freilichtmuseen, Nachbarschaftsinitiativen, Kreativ-Workshops und Tafeln für Hilfsbedürftige – ein bunte Welt von politisch weitgehend neutralen Zielen wie Naturschutz, Bildung und Gesundheitswesen. Prominente wie Kai Pflaume, Katarina Witt, Michael Patrick Kelly, Toni Kroos und Peter Maffay engagieren sich als „Botschafter“. International sind unter anderem Bill Clinton, Emma Thompson, George Clooney, Rafael Nadal und Roger Federer am Start und verschaffen der Lotterie so Aufmerksamkeit und Vertrauen.

In Deutschland hat die Lotterie rund eine Million Teilnehmer, weltweit sind es mehr als 14 bis 15 Millionen Teilnehmer bzw. aktive Lose. In Deutschland kostet jedes Los 12,50 Euro und ist nur im Abonnement erhältlich.

Viele NGOs erhalten regelmäßig große Beträge von der Deutschen Postcode Lotterie und entwickeln auf Netzwerktreffen der Lotterie gemeinsame Strategien – darunter Amnesty, Deutsche Umwelthilfe, Greenpeace, HateAid, Sea-Watch und der WWF. Bild: Screenshot Jahresbericht 2024 der Deutschen Postcode Lotterie. Wer wie viel erhielt, erfuhr man bis 2023 genau. Ab 2024 werden die Beträge und Organisationen nicht mehr aufgeschlüsselt. Und die älteren Jahresberichte findet man auch nicht mehr auf den Seiten der Postcode-Lotterie, sondern nur noch im Lobbyregister des Deutschen Bundestages. Transparenz geht anders.

Wer das Geld bekommt

Um eine Förderung zu erhalten, müssen gemeinnützige Vereine Projekt-Anträge stellen. Grundsätzlich müssen sie weitere Mittel einbringen: Fördermittel durch andere Stiftungen, Spender oder den Staat. Eine Alleinförderung ist nicht vorgesehen. Zudem müssen ihre Projekte den Förderschwerpunkten Chancengleichheit, sozialer Zusammenhalt oder Natur- und Umweltschutz sowie einigen weiteren Kriterien entsprechen.

Auf diesem Weg fördert die Deutsche Postcode Lotterie Jahr für Jahr zahllose Projekte, darunter viele, die echten Naturschutz betreiben wie die Entfernung von Müll aus dem Rhein, die Pflege von Bächen und Mooren oder die Hilfe für bedrohte Tiere. Meist liegt die Unterstützung im vier- bis fünfstelligen Bereich. Geld bekommen aber auch zweifelhafte Projekte aus dem Umfeld der Anthroposophie, die sich für esoterische Praktiken in der Landwirtschaft und vor allem gegen Gentechnik engagieren: die Aurelia-Stiftung, Mellifera und die Zukunftsstiftung Landwirtschaft . Sie erhielten in den letzten Jahren fünf- bis sechsstellige Beträge.

Gänzlich andere und wesentlich bessere Bedingungen gelten für regelmäßig geförderte Einrichtungen, die die Organisation in den Stand des „Postcode Partners“ erhebt. Sie müssen keine Anträge stellen. Stattdessen bekommen sie über eine Laufzeit von mindestens fünf Jahren institutionelle Förderung, die nicht an einzelne Projektinhalte gebunden ist. Denn diese präferierten Partner, so die Lotterie, „zahlen auf das größte und wichtigste Projekt überhaupt ein: den Erhalt unseres Planeten.“ Zu diesen Organisationen, zu denen nach Ansicht des Beirats ein „beständiges Vertrauensverhältnis“ besteht und die „nachhaltig einen starken, gesellschaftlichen Mehrwert für Mensch und Natur“ generieren, gehören unter anderem HateAid, Sea Watch, Amnesty International, die Deutsche Umwelthilfe, Greenpeace, der WWF Deutschland sowie die Stiftung der ehemaligen Grünen-Politikerin Sarah Wiener. Insgesamt sind es aktuell 41 Partner.

Während also die Kleinvereine gegen relativ hohe Auflagen ein paar tausend Euro für die Rettung von Mauerseglern oder die Entsiegelung von Schulhöfen bekommen, erhalten die Postcode-Partner Jahr für Jahr Hunderttausende oder sogar Millionenbeträge. Greenpeace und der WWWF durften sich seit 2020 über jeweils knapp zehn Mio, Sea Watch über knapp sieben Mio. und die Deutsche Umwelthilfe über rund 6,5 Mio. Euro freuen. HateAid wurde mit 2,8 Mio. Euro gefördert. Häufig macht das Geld der Postcode Lotterie mehr als zehn Prozent des Spendenvolumens aus. Ähnlich funktioniert das in anderen Ländern.

Poelmanns Lotterien finanzieren so mit dem Geld zum Beispiel Klimaklagen durch Vereine, die sonst niemals die Mittel hätten, solche Prozesse international durchzufechten. Oder sie unterstützt Organisationen, die Israel des Völkermords bezichtigen und sich für Boykottmaßnahmen gegen das Land engagieren: zum Beispiel Amnesty International, das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR), Greenpeace und Human Rights Watch. Damit das alles koordiniert verläuft, organisiert die Lotterie regelmäßige Netzwerktreffen, um „gemeinsame Strategien zu entwickeln“.

Der mächtigste Mann der Niederlande

Zu Recht bezeichnet die niederländische Online-Zeitung Wynia’s Week Poelmann, der diese Lotterien gegründet hat und über sie wacht, als den „mächtigsten Mann in den Niederlanden“. Viele NGOs sind schlichtweg von seinen Zuwendungen abhängig. Seine „Geldpumpe“, so Wynia’s Week, finanziere „eine ganze Wolke von linken, manchmal selbst radikalen Clubs und Bewegungen. Sie erhalten Zugang zu Medien, können Kampagnen durchführen und Politiker unter Druck setzen.“ Aber er hat auch Prominente und Politiker in der Tasche. Poelmann gelang es in den Niederlanden dank seiner Verbindungen in Politik und Medien, den Anteil von ursprünglich 50 Prozent, den seine Lotterie für gemeinnützige Zwecke ausgeben musste, auf 30 Prozent zu reduzieren. Auch die Deutsche Postcode Lotterie gibt nur 30 Prozent für gemeinnützige Zwecke aus und erfüllt damit exakt die gesetzlich vorgeschriebene Mindestquote.

Zu den 41 Postcode-Partnern zählen zahlreiche politisch besonders aktive NGOs. Die hier gezeigte Auswahl hat in den vergangenen Jahren projektunabhängig mehrere Millionen Euro erhalten.

Engagierte Unterstützung von FDP und CDU

Einflussreich und bestens vernetzt ist die Postcode Lotterie auch in Deutschland. Laut Lobbyregister des Bundestages ist sie u.a. Mitglied im Wirtschaftsrat der CDU e.V. und im Wirtschaftsforum der SPD e.V.. 

Am interessantesten ist jedoch der sechsköpfige Beirat, der zweimal jährlich tagt und darüber entscheidet, welche NGO wie viele Fördermittel bekommt und wer in den Status des Postcode Partners erhoben wird. Dort sitzen nämlich neben Peter Clever, ehemaliges Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände auch zwei prominente Bundespolitiker: Armin Laschet (CDU), ehemaliger Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), bis 2013 Bundesjustizministerin. Sie hat den Vorsitz des Beirats und ist damit Nachfolgerin von Rita Süssmuth (CDU), der ehemaligen Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit und Präsidentin des Deutschen Bundestages. Sie war bis zu ihrem Tod in diesem Jahr Ehrenpräsidentin der Deutschen Postcode Lotterie.

Mit anderen Worten: Politiker von CDU und FDP haben in den vergangenen Jahren dafür gestimmt, Organisationen wie Hate Aid oder die Deutsche Umwelthilfe mit den Millionen auszustatten, mit denen sie Menschen wegen „Hass und Hetze“ bzw. Kommunen zur Durchsetzung rigider Luftreinhaltepläne und Fahrverbote vor Gericht bringen konnten. Oder anders gesagt: Auch prominente Vertreter liberal-konservativer Parteien beteiligen sich über ihr Engagement bei der Postcode-Lotterie entschlossen daran, politischen NGOs mit Millionenzuwendungen beim Durchsetzen linker Ideen zu helfen.

Im Beirat der Postcode-Lotterie: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und Armin Laschet (CDU); Bild: Screenshot Jahresbericht 2024 der Deutschen Postcode Lotterie

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Ludger Weß