Jeder kennt die Aufkleber auf Säften, Käse, Obst und anderen Waren im Supermarkt: „Dein Kauf unterstützt den NABU Klimafond“, „Dieses Produkt trägt zum Erhalt der Artenvielfalt bei“, „Ohne Gentechnik“. Für jeden Aufkleber zahlt der Kunde einen Aufpreis. Denn alle großen Handelsketten in Deutschland unterstützen die dahinter steckenden NGOs seit Jahrzehnten mit erheblichen Summen.
Niemand praktiziert das so intensiv wie seit vielen Jahren Rewe International. Einige der Projekte sind durchaus nachvollziehbar, denn sie tragen zu Umweltschutz und Nachhaltigkeit bei, andere dagegen sind Ideologie pur.
So hat Rewe beispielsweise schon 2003 Global 2000, der österreichischen Schwesterorganisation des deutschen BUND, die Aufgabe übertragen, die „Pestizidbelastung“ seiner Sortimente zu überwachen – nicht nur in den REWE-Märkten, sondern auch bei Billa, Billa Plus, Adeg und Penny. 2013 war zu lesen (Medianet Retail, 11.10.2013), dass Rewe sich das Jahr für Jahr mehr als eine halbe Million Euro kosten lässt. Bei dieser Kooperation entscheiden allein die „Agrarexperten“ von Global 2000, ob Produkte oder ein bestimmter Lieferant Zugang zu den Märkten bekommt oder nicht.
Keinerlei Kundenvorteil
Ziel des Programms ist es nach offiziellen Angaben, „die Pestizidbelastung von konventionellem Obst und Gemüse zu minimieren und somit sowohl die Umwelt als auch die Gesundheit der Konsument:innen zu schützen“. GLOBAL 2000 entnimmt dazu wöchentlich Proben von Obst und Gemüse aus den Lagern, lässt sie auf Rückstände von Pestiziden untersuchen und bewertet sie. Als Entscheidungsgrundlage dienen der NGO dabei nicht etwa die gesetzlich festgesetzten Grenzwerte, sondern eigene Kriterien. Schon Rückstände knapp oberhalb der Nachweisgrenze gelten dabei als bedenklich. Bei Überschreitungen werden die betreffenden Produkte aus dem Verkauf genommen, bis die Lieferanten nachweisen können, dass die von Global 2000 definierten Kriterien wieder erfüllt sind. Diese Prinzip gilt seit 2018 für Supermärkte der REWE Group in ganz Europa. Die Kunden haben davon keinerlei Vorteil. Denn natürlich garantieren schon die strengen gesetzlichen Grenzwerte die Unbedenklichkeit von Obst und Gemüse.
Einkaufen für den NABU
Darüber hinaus kooperiert Rewe seit 2010 mit dem „Streusalz, nein danke“-NABU. Die Zusammenarbeit begann als PRO PLANET-Projekt zur „Verbesserung der Nachhaltigkeit in der Lieferkette der REWE Group-Eigenmarkenprodukte“. Diese Zusammenarbeit baute der Handelskonzern 2015 zu einer strategischen Partnerschaft aus. Seither ist der NABU Mitglied im Fachbeirat Nachhaltigkeit der REWE Group und berät das Unternehmen in Fragen von Umweltstrategie, Verpackungsoptimierung und Sortimentsgestaltung. Bis Ende 2025 sollten 25 Prozent der Eigenmarken von REWE und PENNY in Deutschland die PRO PLANET-Anforderungen erfüllt haben.
2022 schließlich wird REWE Gründungspartner des NABU-Klimafonds („Einkaufen fürs Klima“) und verpflichtet sich, über fünf Jahre mindestens 25 Millionen Euro zu investieren. Bis heute wurden bereits rund 16 Millionen Euro investiert, die in die Renaturierung von Mooren fließen sollen. Dabei geht es um das ursprünglich 4.000 ha große Ahlenmoor bei Cuxhaven. REWE und NBAU wollen bis zu 5 Prozent davon wiederbeleben und in Hochmoor verwandeln. Mit im Boot: das grün geführte niedersächsische Landwirtschaftsministerium.
Schaufensterprojekte mit dem NABU
Zusätzlich unterstützt REWE seit 2013 weitere NABU-Projekte, die vor allem der Imagepflege dienen. 400.000 Euro erhielt der NABU zum Beispiel zum Schutz von Streuobstwiesen, um alte Obstsorten zu pflanzen und „neue Lebensräume für Bienen“ zu schaffen. Natürlich bezieht REWE sein Obst nach wie vor nicht von Streuobstwiesen, sondern bietet perfekt designte Sorten an, die aus Obstbauplantagen aus ganz Europa oder – im Winter – aus Neuseeland, Südafrika oder Chile stammen.
Auch der 2018 von REWE und NABU gegründete Insektenschutzfonds (REWE stellte initial 300.000 Euro zur Verfügung) dient vor allem der Imagepflege: „REWE gibt Insekten ein Zuhause“ heißt es in einem Prospekt, in dem dann auch noch irreführende Behauptungen aufgestellt werden, etwa die Aussage: „In den letzten Jahrzehnten ging der Insektenbestand um 75% zurück.“ Inwiefern ein paar hundert Hektar Blühfläche hier helfen sollen, bleibt unklar, denn Insekten fehlt es weniger an Blühpflanzen, sondern an Futterpflanzen für die hoch spezialisierten Raupen und Larven. REWE-Tochter Penny verstieg sich in einem Werbeprospekt für die NABU-Kooperation gar zu der Aussage, dass „knapp 60% der Regale ohne die Arbeit der Bienen leer blieben“ – eine gewagte Aussage, denn schließlich machen Obst und Gemüse nur einen geringen Teil des Vollsortiments aus, das auch Toilettenpapier, Hautcremes, Zahnpasta, Milch- und Fleischprodukte, Getränke, Reis, Nudeln, Zucker usw. umfasst. Und nicht einmal für Gemüse stimmt es: Blumenkohl, Rosenkohl, Brokkoli, Möhren, Salat, Sellerie und Kartoffeln wachsen ganz ohne die Arbeit der Bienen.
2023 schließlich finanzieren REWE und der NABU gemeinsam die Platzierung des NABU-Klimafonds-Logos auf Trikots des 1. FC Köln zur „Sensibilisierung für Klimaschutz“.
Millionen für den WWF
REWE-Konkurrent EDEKA will da natürlich nicht nachstehen und arbeitet seit 2009 „sehr intensiv und langfristig“ in einer strategischen Partnerschaft mit dem WWF. Gemeinsames Ziel ist die „nachhaltige Gestaltung des Sortiments“. Über 20 WWF-Mitarbeiter arbeiten als Festangestellte in dieser Partnerschaft, die 2022 um zehn Jahre verlängert wurde. Sie schließt auch den Netto-Markendiscount ein. Der WWF berät die EDEKA-Gruppe zu allen relevanten Sortimentsbereichen, Lieferketten und Eigenmarken. Auch bei EDEKA bestimmt also eine NGO das Sortiment.
Eine vergleichbare Partnerschaft von Lidl mit dem WWF umfasst gleich 31 Länder. Eine Broschüre des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels e.V. (BVLH) listet hunderte solcher Kooperationen auf. Der NABU selbst nennt als weitere Unternehmen Audi, IKEA, L’Oreal, Mars, Globetrotter, die Volkswagen Financial Services AG und sogar den VfB Stuttgart. Auch die DM-Drogeriemarktkette unterstützt den NABU – seit 2019.
Sogar beim Möbelkauf zahlt der Kunde NGO-Abgaben. IKEA kooperiert seit 2002 mit dem WWF, für den dies der größte Unternehmenspartner weltweit ist. Schätzungsweise 80 bis 100 Mio. Euro flossen dabei in den Jahren zwischen 2002 und 2020. Der WWF berät IKEA u.a. bei der Beschaffung von Holz, Baumwolle, Wasser und Energie. Ebenfalls an den WWF zahlt McDonalds – für Beratungsleistungen und Zertifizierungen bei der Beschaffung von Fisch, Rindfleisch, Palmöl und Verpackungsmaterial. Weltweit arbeitet der WWF mit über 100 Unternehmen zusammen und generiert dadurch einen signifikanten Teil seiner Einnahmen.
Sinnlose Siegel
Auch kleinere Vereine mischen mit. Der „Verein Lebensmittel ohne Gentechnik e.V.“ (VLOG) etwa lässt sich seine „ohne Gentechnik“-Aufkleber teuer bezahlen – schließlich steckt dahinter ein aufwändiger Zertifizierungsprozess, den sich Umwelt-NGOs gemeinsam mit der EU ausgedacht haben. Über 680 Unternehmen drucken das Siegel auf die Verpackungen von mehr als 16.000 Produkten. Hinzu kommen weitere ca. 3.800 Unternehmen (Futtermittelhersteller und Zulieferer), die sich vom VLOG zertifizieren lassen. Der Verein generiert damit pro Jahr ca. 2,5 Mio. Euro, die er dafür nutzt, auf Bundes- und Europa-Ebene gegen Gentechnik zu lobbyieren. Bundesmittel erhält der Verein nicht, aber EU-Gelder, um „Nachweismethoden für mit neuen genomischen Techniken erzeugte Pflanzen“ zu entwickeln – ein Projekt, das sich angesichts der geplanten Neuregelungen der EU erübrigt und wissenschaftlich ungefähr so seriös ist wie der Versuch, an der Steckdose nachzuweisen, ob der Strom aus Atom- oder Solarkraftwerken stammt.
Der Verbraucher hat von dem Siegel gar nichts – außer Kosten. Ob Gentechnik in der Lieferkette war oder nicht, spielt für die Qualität der Lebensmittel nicht die geringste Rolle. Zudem kann in den Produkten mit dem Siegel dennoch Gentechnik stecken, denn zahlreiche Zusatzstoffe sind ausgenommen und die Tiere, deren Produkte angeblich „gentechnikfrei“ sind, müssen nur einige Wochen vor der Schlachtung Futter „ohne Gentechnik“ erhalten haben.
Warum zahlen die Handelsunternehmen?
Die Deals haben einen einfachen Grund: Die Unternehmen erkaufen sich damit Ruhe vor ihren Läden. Vorbei sind die Zeiten, als NGOs vor deutschen Supermärkten Protestaktionen gegen Gentechnik in Lebensmitteln, vermeintliche Pestizidbelastungen von Obst und Gemüse oder die Überfischung der Meere durchführten. Mit den großen Handelsketten herrscht ein Burgfrieden. Behörden, Landwirte, Chemie- und Saatgutfirmen und ihre Verbände überziehen die großen Umwelt-NGOs hingegen nach wie vor mit immer neuen Kampagnen. Am deutlichsten wird das etwa bei der jährlichen „Wir haben es satt“-Demo: Kritik an Saatgutfirmen, Pestizidherstellern, dem Bauernverband, der Lebensmittelindustrie usw., aber kein böses Wort über die Handelsketten.
Für die Allianz ist es ein klassische Win-Win-Situation. Die NGOs erhalten Geld und Einfluss, die Handelsketten haben Ruhe vor und in ihren Läden. Auf St. Pauli in der Hansestadt Hamburg kennt man dieses Modell als Schutzgelderpressung. Das ist es strafrechtlich natürlich nicht, denn die Deals sind von Anwälten rechtssicher ausgehandelt. Aber die Kunden dürften das anders beurteilen, wenn sie die Einzelheiten kennen. Denn es sind schließlich sie, die die Zeche zahlen. Fragt sich nur, warum die NGOs noch immer als der arme David gelten, der gegen den bösen Goliath der Industrie staatlich alimentiert werden muss. Allein der WWF erhielt von Mitte 2024 bis Mitte 2025 weit über 80 Millionen Euro an Zuschüssen der öffentlichen Hand.